"Wer von euch würde diese Äpfel kaufen?"

Ohne Pflanzenschutz kein moderner Landbau. Landwirte wissen das nur zu gut. Trotzdem hat das Spritzen bei manchen Verbrauchern einen schlechten Ruf. Um anschaulich zu machen, wie es ohne jeglichen Pflanzenschutz aussähe, startete der Industrieverband Agrar 2015 die Aktion "Schau ins Feld!". In diesem Jahr beteiligen sich über 300 Landwirte aus ganz Deutschland daran - darunter erstmals auch Obstbauern. Sie alle haben einen kleinen Teil ihrer Felder völlig unbehandelt gelassen. Spaziergänger und Passanten sehen so die unmittelbaren Folgen.


Mehr Schädlinge, weniger Wachstum, unansehnliche Früchte

"Was ist denn hier passiert?" Diese Frage, die auf der Schautafel steht, kann man sich tatsächlich stellen. Die Apfelbäume neben dem Schild machen jedenfalls keinen guten Eindruck. Zwar tragen sie Früchte, aber die sind BayerFarm-Newsletter (1. Quartal 2017) nicht so groß, wie sie Anfang September eigentlich sein müssten. Andreas Willhalm, dem die Bäume gehören, greift sich einen Zweig und nimmt einen Apfel in Augenschein. "Schorf", sagt er kopfschüttelnd. Und er weiß: Mit diesen Flecken und überhaupt, bei dieser Größe, wird er den Apfel höchstens an eine Mosterei verkaufen können. Dasselbe gilt für die anderen Früchte an diesem und auch an den benachbarten Bäumen. Schöne, gesunde Braeburn-Äpfel sehen jedenfalls anders aus. "Ernte in Gefahr!" heißt daher auch die Überschrift auf der Schautafel.

Um anschaulich zu machen, wie es ohne jeglichen Pflanzenschutz aussähe, startete der Industrieverband Agrar 2015 die Aktion "Schau ins Feld!"

IVA-Aktion mit hoher Teilnahme

Für Andreas Willhalm ist der Verlust verkraftbar. Er ist sogar einkalkuliert. Denn ganz bewusst hat der Lindauer Obstbauer in diesem Jahr bei einer Braeburn-Reihe auf die üblichen Maßnahmen verzichtet. Keine Herbizide gegen die wuchernden Gräser unter den Bäumen, keine Fungizide gegen Mehltau oder Fruchtfäule. Und keinerlei Insektizide, die zum Beispiel Apfelwickler oder Blattläuse fernhalten würden. Damit beteiligt sich Willhalm an der diesjährigen Aktion "Schau ins Feld!" des Industrieverbands Agrar (IVA). Zum zweiten Mal zeigen Landwirte in ganz Deutschland damit eindrucksvoll auf, wie ihre Felder und Plantagen ohne Pflanzenschutzmaßnahmen aussehen würden.
Über 300 Betriebe nehmen in diesem Jahr teil. Die Mehrzahl unter ihnen sind Getreide-, Raps- oder Maisbauern; hinzu kommen einige Gemüsebetriebe. Erstmals machen in diesem Jahr aber auch drei Obstbauern mit. Willhalm ist einer davon. Und das findet auch Hans-Werner Heß gut. "Landwirte werden oft für das Anwenden von Pflanzenschutzmitteln kritisiert, häufig sogar direkt vom Feldrand aus", so der für die Region zuständige Außendienstmitarbeiter von Bayer. "Viele Verbraucher verstehen nicht, warum Pflanzenschutzmittel überhaupt eingesetzt werden. Die Aktion "Schau ins Feld!" soll genau das gut verständlich erklären und Dialoge zwischen Landwirten und Verbrauchern ermöglichen."

"Viele Leute wissen nicht, warum wir spritzen müssen"

Andreas Willhalm setzt ganz auf regionale Direktvermarktung und sucht auch sonst eine enge Bindung zwischen Betrieb und Kundschaft. Häufig lädt er daher Besuchergruppen zu Führungen ein. Dabei zeigt er nun auch immer die ungeschützten Braeburn-Bäume. Das seien gute Diskussionen, die sich dann entwickelten. "Viele Leute wissen ja gar nicht, warum wir spritzen müssen", hat Willhalm dabei erfahren. Und viele wüssten auch nicht, dass auch die Bio-Kollegen spritzen. Kaum zehn Kilometer entfernt, im württembergischen Kressbronn, hat Dieter Mainberger ebenfalls ein "Ernte-in-Gefahr!"-Schild aufgestellt. Auch Mainberger ist Obstbauer und findet die IVA-Aktion gut. Wie Kollege Willhalm führt Kressbronner ebenfalls manchmal ganze Gruppen an den acht Fuji-Bäumen vorbei, die nun ohne Pflanzenschutzmittel auskommen müssen. Nur das Unkraut hat er einmal weggesenst. "Damit man überhaupt was von den Bäumen sieht", so Mainberger. Die mickrigen und zum Teil fleckigen Äpfel fallen den Teilnehmern seiner Führungen sofort auf. Mainberger fragt dann gerne: "Wer von euch würde diese Äpfel kaufen?" Die Hände bleiben dann in der Regel unten.

Apfelanbau ohne Pflanzenschutz: Die mickrigen und zum Teil fleckigen Äpfel fallen sofort auf.

Wenig zu naschen im Naschgarten

Ein Stück weiternördlich befindet sich ein von der Gemeinde Kressbronn angelegter Bauernpfad. Dort erfährt man nicht nur Interessantes rund um den Obstanbau am Bodensee, sondern gelangt auch zu einem "Naschgarten" - mit Apfelbäumen und Beerensträuchern, an denen sich Passanten bedienen sollen. Da man nie weiß, zu welcher Zeit Passanten zur Ernte schreiten, werden aus Sicherheitsgründen keinerlei Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Also hat Dieter Mainberger nun auch dort eine "Ernte-in-Gefahr!"-Schautafel aufgestellt. Und in der Tat ist die
BayerFarm-Newsletter (1. Quartal 2017) diesjährige Ernte überschaubar. Viele Äpfel sind von Mehltau und Schorf befallen und laden kaum zum Naschen ein. Die neu gesetzten Jonagold-Bäume tragen schlecht und haben kaum Neutriebe und Knospen für die nächste Saison angelegt. Offenbar fehlt ihnen die Energie. Mainberger weist auf ein rotes Äpfelchen, das nicht nur mickrig und von Flecken übersät ist, sondern auch noch von einem Wurm durchbohrt wurde. Direkt dahinter drei tote Bäume ohne jedes Blatt. Mainberger lupft einen der Stämme an - und kann das Bäumchen so aus dem Boden ziehen. "Mäuse haben die Wurzeln gekappt", erklärt der Obstbauer. Das passiere, weil sich die Nagetiere im Schutz des hohen Unkrauts - und damit ohne jede Angst vor Bussarden - ungestört zu schaffen machen könnten.

Dieter Mainberger fragt Besuchergruppen an der Stelle gerne: "Wer von euch würde diese Äpfel kaufen?" Die Hände bleiben dann meist unten.

Kampagne geht auch 2017 weiter

Die Aktion "Schau ins Feld!" startete 2015 mit knapp 200 teilnehmenden Landwirten. "An keiner anderen Stelle kann man den Nutzen von Pflanzenschutzmitteln so gut veranschaulichen wie auf den Feldern selbst", erklärt der Hauptgeschäftsführer des IVA, Volker Koch-Achelpöhler, die Idee hinter dem Ansatz. Dass sich auf diesem Weg auch nützliche Aufklärung betreiben lässt, scheint sich herumzusprechen. So stieg die Zahl der Teilnehmer im laufenden Jahr auf über 300. Und seit August können sich interessierte Betriebe schon für die nächste Saison anmelden. Die Obstbauern Andreas Willhalm und Dieter Mainberger vom Bodensee werden auf jeden Fall weitermachen.

Der IVA begleitet die Kampagne auf der Internet-Seite www.die-pflanzenschuetzer.de. Neben allgemeinen Informationen finden Interessierte dort auch teilnehmende Betriebe in ihrer Nähe.

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